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  • Großvater und Enkel auf Augenhöhe

  • Ausstellung in Jugenheim: Daniel und Baldur Greiner

  • Die Welt ein Garten

Arbeiten von Daniel und Baldur Greiner bei Poorhosaini in Jugenheim

(Echo-Online.de - Südhessen vom 27. November 2009 | Von Roland Held)
JUGENHEIM. Am Anfang seiner Laufbahn lehnte Baldur Greiner es vehement ab, eigene Arbeiten zusammen mit denen von Daniel Greiner (1872-1943) auszustellen. Er wollte Anerkennung über die eigene Leistung, anstatt im Windschatten des berühmten Großvaters zu segeln, der von 1903 bis 1906 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie gewesen war. Seit einigen Jahren ist der Enkel da konzilianter geworden. Eine Chance für jeden Kunstinteressierten. Denn die derzeitige Doppelschau in Jugenheim - wo Daniel Greiner die zweite Lebenshälfte und Baldur Greiner immerhin seine Jugend verbrachte - hält Erkenntnisse parat, die über die bloße Feststellung von Metier-Kontinuitäten oder den Vergleich von Einzelwerken und -themen weit hinausgehen.

Gewiss, anmerkenswert ist bereits, dass im Zentrum des Schaffens beider sich die Bildhauerei und die Druckgrafik behaupten. Doch ist man versucht, von einer regelrechten ,,Familienphilosophie" zu reden, vererbt von einer Generation auf die übernächste.

Sie lässt sich zusammenfassen im Beharren auf dem ganzen Spektrum menschlicher Erfahrung, Außen und Innen überbrückend, Privates und Öffentliches, Politik und Spirituelles. So stößt man in einer Vitrine auf Daniel Greiners Bilderbibel ebenso wie sein Bändchen ,,Christus-Köpfe", illustriert mit Holzschnitten. Sein Linolschnitt ,,Hexenruf" dagegen ist unfromm nicht nur der Nacktheit wegen, in der uns ein kräftiges Walkürenweib frontal entgegentritt, die Hände wie Schalltrichter an den Mund gelegt. Aufgebaut vor flackerndem Rot, könnte man sie verstehen auch als Fanal der Revolution. Niemand wird das als zu weit beigeholt empfinden, der weiß, dass Greiner vor seiner Hinwendung zur Kunst Theologie studiert und als Pfarrer gewirkt hat - und dass er in den zwanziger Jahren als Abgeordneter der radikalen USPD im Hessischen Landtag saß.

Floraler Jugendstil war seine Sache nie. Einerseits zeigt der Künstler sich als Familienmensch, nicht ohne gelegentliche sentimentale Schlenker. Andererseits treibt ihn der Kampf der Geschlechter um, veranschaulicht als drastisches Ringen. Auf der expressiven Federzeichnung ,,Wilde Ehe" umklammert der Mann zwar wild die Frau; doch die ist so athletisch, dass sie seinen Kopf mühelos nach unten wegdrückt und damit den ganzen Kerl. Es bedürfte gar nicht der Holzschnittfolge ,,Tanz" mit ihren in schwellende Kontur eingebundenen Figuren, um zu bestätigen, wie gründlich Daniel Greiner erfasst war von der Lebensreform-Bewegung. Und in der ging es bereits um Emanzipation jeglicher Couleur.

Was dem Großvater die Lebensreform war, waren dem 1946 geborenen Enkel offenbar die Anliegen der 68er. Eine kritische Distanz zum herrschenden System könnte man herauslesen aus seiner frühen Arbeit ,,Vorstandssitzung": eine weit unterlebensgroß in Polyesterharz gegossene, farbig gefasste Dreiergruppe von Schlips- und Funktionsträgern, bei denen das Uniform-Leidenschaftslose und doch Tribunalartige hervorgekehrt ist. Wiederum in einer Vitrine dokumentiert ist Baldur Greiners ausführliche künstlerische Reaktion auf die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986.

Anatomische Übersteigerung bis zum Fantastischen liegt beiden Greiners im Blut. Aber es gibt auch den Gegenpol. In wuchtigen Skulpturen von gemäßigtem Spätexpressionismus umkreist Baldur Greiner die Thematik von Partner- und Elternschaft - und, dazu passend, die naturwüchsigen Eigenschaften des Holzes. Immer wieder kommt die Maserung zur Geltung auf seinen stillsten und trotzdem noch von Bewegung erfüllten Beiträgen, die, spiralig-rund, Urgestaltungen zustreben: am eindrucksvollsten die halbmeterhohe, aus Ebenholz herausgeholte, schwarz-schimmernd polierte Muschelform ,,Seele".

Ein Punkt, wo der Enkel vom Großvater abweicht, ist die extreme Vielfalt der in vier Schaffensjahrzehnten durchprobierten Stile - das kann verwirren, Zweifel wecken, ob ihm immer klar war, was er tat. Die Gemeinsamkeiten freilich überwiegen. Bis hin zu der verblüffenden Tatsache, dass man bei beiden ganze Serien mit Allegorien der menschlichen Seelenzustände findet. Es gibt auch gemeinsame Gefahrenzonen. Ein Hang zu übermäßigem Pathos belastet Daniel Greiners schwülstig-steifes Temperagemälde ,,Dante in der Hölle" ebenso wie Baldur Greiners Kruzifix-Triptychon ,,Palästina 2002", das gut gemeint ist, sich aber im ungelösten Konflikt von Ernst und Groteske, Oberammergau und Agitprop selber blockiert.

Stärker als beim Großvater und zweifellos der Generationszugehörigkeit geschuldet, ist der Anteil des Materialexperiments im Schaffen des Enkels. Ansonsten stehen beide unübersehbar zur Tradition ihres Handwerks und des Handwerklichen generell. Weswegen es ihnen auch völlig selbstverständlich ist, wenn hohe und angewandte Kunst sich auf Augenhöhe begegnen.